Unterricht in Second Life – Teil 2

Second Life als Lehr- und Lernplattform
Die passive Nutzung der Welt

Das SL, wenn man diese virtuelle Welt als Lehr- und Lernumgebung betrachtet, kann die Grenzen des live-online Unterrichts auflösen und die Möglichkeiten erweitern. Der Lehrende kann die Welt bei verschiedenen Unterrichtsszenarien aktiv oder passiv benutzen.

Passiv wird die virtuelle Welt benutzt, wenn man die schon existierenden Einrichtungen benutzt bzw. als Schauplatz verwendet. Im Sprachenunterricht hat man dafür zahlreiche Möglichkeiten. Man kann sich einfach virtuell hinsetzen und an einem Kamin gemütlich über sprachlichen Phänomene reden, in einem wunderschönen Garten fremdsprachliche Gedichte analysieren oder in einem Wikingerschiff ein mittelhochdeutsches Epos vorlesen. Erfahrungsgemäß macht es den Schülern sehr viel Spaß, berühmte deutsche Sehenswürdigkeiten, wie den Kölner Dom oder die Dresdener Gemäldegalerie, durch einen virtuellen Rundgang aus „greifbarer Nähe” kennen zu lernen.

Ein leicht nachvollziehbarer, weiterer Vorteil ist dieser internationalen virtuellen Welt, dass man ganz leicht „Native Speaker” Avatare treffen kann, mit denen der Lerner in der Zielsprache kommunizieren kann. Es gibt auf diesem Gebiet schon sehr fortgeschrittene Initiativen. Eine Sprachschule im SL stellt muttersprachliche Mitarbeiter ein, die auf dem Gelände der Sprachschule, in einer kleinen virtuellen Stadt, in den Gebäuden verschiedene, festgelegte Rollen spielen. Bei einem kann man in der Bäckerei Backwaren kaufen, der andere gibt über das nächste Krankenhaus Auskunft – wie im richtigen Leben.

An diesem Punkt stellt sich die Frage, „Spielt man überhaupt, wenn man sich den Kölner Dom im SL anschaut, oder wenn man mit einem Avatar auf Spanisch über das Wetter redet?” Meine Antwort ist auf diese Frage ein klares „Nein”. Diese Tätigkeiten haben mit dem Spiel genauso wenig zu tun, wie das Ansehen einer Webseite, oder das Schreiben verschiedener Beiträge in einem Chat. Der Schauplatz der Kommunikation ist zwar eigenartig, aber die Handlung ist gewöhnlich.

Im Bezug auf das Thema Spielen und Lernen im SL verstehe ich unter dem Begriff „Spiel” etwas anderes. Ich schließe mich Michael Koenig an, der in seinem auch online zugänglichen Artikel „Nachdenken über Spiele – Ein Plädoyer für die spielerische Umgestaltung von Lernaktivitäten im Fremdspracheunterricht” schreibt „das Spiel soll […] als Lernspiel verstanden werden, als kreative Übung, in der sich Aspekte von Kognition und Emotion vereinigen und die vor allem die Lernerperspektive berücksichtigt.” Nimmt man diese Defintion als Grundlage, sieht man, dass viele Tätigkeiten im SL keine Spiele und auf keinen Fall Lernspiele sind. Dazu braucht man mehr, als einen Spaziergang in dem virtuellen Frankfurt oder ein nettes Gespräch in einer virtuellen Bierstube in dem virtuellen München.

Benutzt man die virtuelle Welt passiv, bieten sich die Möglichkeiten des Rollenspiels, Situationsspiels und Planspiels an – also die Möglichkeiten des Spiels „durch Sprache”. Diese Spiele müssen – genauso, wie beim traditionellen Unterricht im Klassenzimmer – gründlich vorbereitet werden und den Ablauf soll ggf. der Lehrer kontrollieren. Diese Spielformen können sowohl den traditionellen Unterricht im Klassenzimmer als auch den live-online Unterricht sinnvoll ergänzen. Es ist etwas ganz anderes, im Klassenzimmer die SituationBeim Arzt” zu spielen, als in einer virtuellen Welt, wie SL, ggf. in einem virtuellen Krankenhaus.

Krankenhaus im SL

Die interessante Lernumgebung macht den Lernern Spaß und das trägt dazu bei, dass die Sprachhemmungen abgebaut werden. Außerdem lernen die Teilnehmer praktisch mit allen Sinnen. Sie tun etwas (sie bewegen ihre Avatare), sie hören, sie sehen und sie sprechen natürlich auch – sie arbeiten wesentlich aktiver, als in einem traditionellen Klassenzimmer. Im SL kann man die oben erwähnten Spielformen auch mit Einbezug muttersprachlicher Avatare spielen, was die Situation noch spannender macht. Diese Möglichkeit lernt man besonders schätzen, wenn man die Zielsprache nicht im Zielsprachenland unterrichtet, und die finanzielle Lage der Lernenden nicht erlaubt, jedes Jahr eine zweiwöchige Auslandsreise zwecks Sprachtraining zu machen.

Hinweis: Dieser Beitrag (und die Folgebeiträge mit dem selben Titel) ist (sind) urheberrechtlich geschützt! Der Originalartikel erschien im Online-Tutoring Journal 2008. Da dieses Online-Magazin mittlerweile nicht mehr existiert, habe ich den Artikel in diesen Blog umgezogen. (H.B.)

TEIL 1

Möchten Sie mehr wissen? Abonnieren Sie unseren Newsletter und holen sich regelmäßig Inspiration, neue Ideen und Materialien in Ihre Mailbox!

3 comments to “Unterricht in Second Life – Teil 2”

You can leave a reply or Trackback this post.

Leave a Reply

Your email address will not be published.